Dokumentarfilm LOVEMOBIL trotz inszenierter Szenen sehenswert

Dokumentarfilm LOVEMOBIL trotz inszenierter Szenen sehenswert

Anfang dieser Woche hat der NDR bekannt gegeben, dass im preisgekrönten und vom NDR mitproduzierten Dokumentarfilm LOVEMOBIL von Elke Margarete Lehrenkrauss entgegen der bisherigen Annahme inszenierte Szenen zu sehen sind. Beispielsweise handelt es sich bei den Prostituierten Rita und Milena, die sich an Bundesstraßen in Niedersachsen in Wohnwagen anbieten, nicht tatsächlich um Prostituierte, sondern um Schauspielerinnen. Lehrenkrauss hat allerdings sowohl in Interviews als auch ihren Geldgebern die Zusammenarbeit mit SchauspielerInnen verschwiegen und stattdessen die Authentizität des Materials bekräftigt. Unter der falschen Annahme, der Film bilde tatsächliche Realitäten ab, wurde LOVEMOBIL u.a. mit dem renommierten Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Im Rahmen des 20. Filmfests FrauenWelten wurde der Film ebenfalls gezeigt.

Nachdem die Regisseurin auf die Kritik zunächst mit Unverständnis reagierte, da ihr Film eine „viel authentischere Realität” darstelle, räumte sie schließlich einen Fehler ein: „Ich habe bei der Realisierung meines Films „Lovemobil“ schwerwiegende Fehler gemacht, die ich zutiefst bereue und deren Ausmaß mir gerade selbst erst klar wird”. Dieser Schritt ist begrüßenswert, auch wenn die Glaubwürdigkeit der abgebildeten Inhalte leider nachträglich geschädigt ist. Tatsächlich gibt es viele Migrantinnen aus Osteuropa und afrikanischen Ländern in Deutschland, die von Menschenhandel und Armutsprostitution betroffen sind. Die dargestellte Situation in Niedersachsen ist ebenfalls Realität. Leider führt die derzeitige Debatte zu einer ungerechtfertigten Infragestellung der menschenunwürdigen Situation der schutzbedürftigen Frauen.

Da der Film auch als fiktionale Erzählung ein äußerst wichtiges Thema beleuchtet, ist es sehr schade, dass der NDR den Film aus seiner Mediathek entfernt hat. Die Thematisierung und Visualisierung von Menschenhandel und Armutsprostitution ist nach wie vor essenziell, um die Öffentlichkeit für dieses Problem zu sensibilisieren und aufzuklären. Das Sujet des Films hat nichts an Wichtigkeit eingebüßt, nur muss LOVEMOBIL unter einem neuen Blickwinkel betrachtet werden. Es ist bedauernswert, dass Frau Lehrenkrauss den Produktionshintergrund nicht von Anfang an offengelegt hat. Die Diskussion über die Inhalte hätte trotzdem stattgefunden und ihre Arbeit als Regisseurin sowie die der Schauspielerinnen wäre auch unter dem Gesichtspunkt der Fiktionalität bemerkenswert gewesen. Die gerechtfertigte Debatte um die Authentizität sollte nun die Debatte um das Thema Armutsprostitution und Menschenhandel nicht verdrängen. Den Deutschen Dokumentarfilmpreis hat die Regisseurin mittlerweile zurückgegeben.